Ein kleiner grüner Sämling mit sichtbaren Wurzeln wächst in Erde, die von unten beleuchtet wird, und symbolisiert die Widerstandsfähigkeit beim Überwinden eines Traumas, während im Hintergrund verschwommene Pflanzen zu sehen sind.

Trauma verstehen: Der Ratgeber zu Ursachen, Symptomen und möglichen Heilungswegen

Wenn die Seele stumm verbrennt: Wege aus dem Schatten eines Traumas

Gefangen im endlosen Gestern

Traumatherapeut:innen begegnen in ihrer täglichen Praxis Menschen, deren Leben sich wie eine zerkratzte Schallplatte anfühlen kann. Sie kreisen im Immergleichen, ohne die Ursache zu ahnen, können panische Angst erleben, ohne den Auslöser dafür zu kennen. Oder sie befinden sich dauerhaft in Habacht-Stellung, ohne sich das erklären zu können. Manchmal ist ihr Alltag überschattet von unerklärlichen Muskelschmerzen, plötzlicher Atemnot oder anderen körperlichen Symptomen, die aus heiterem Himmel auftreten. Oder es macht sich eine dumpfe Taubheit breit, die jede Freude im Keim erstickt.

Solche Reaktionen können nach einem einzelnen, überwältigenden Ereignis auftreten, etwa nach einem schweren Unfall oder Überfall. Nach Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung. Aber auch bei Menschen, die in emotionaler Unsicherheit aufwachsen. All das sind Ereignisse, die landläufig als Trauma bezeichnet werden. Wer so etwas nicht erlebt hat, wird Mühe haben, sich die teils schwerwiegenden Belastungen in Verbindung mit Traumata vorzustellen. Wir können nur versuchen, den tiefen Schmerz nachzuempfinden.

Wie können wir das Dickicht unseres Nervensystems und solcher Körperreaktionen verstehen? Und welche gangbaren Wege gibt es, wie wir ein Trauma bewältigen können? Die Erkenntnisse von Geistesgrößen und Pionieren wie Bessel van der Kolk, Gabor Maté und Luise Reddemann können helfen, einen Weg durch das Labyrinth traumatischer Erinnerungen, Körperreaktionen und innerer Alarmzustände zu finden.

Eine seelische Verletzung hinterlässt Spuren, die weit über bewusste Gedanken hinausreichen: im Nervensystem, im Körpergedächtnis und in unserer Art, die Welt als sicher oder bedrohlich zu erleben. Heilung bedeutet daher auch, dem Körper behutsam zu vermitteln, dass die Gefahr vorüber ist, und erfordert das behutsame Zurückholen des Körpers in die Gegenwart, um durch die Integration des Traumas wirklichen Frieden zu finden.

Bessel van der Kolk und die Folgen von Trauma

Bessel van der Kolk ist ein niederländisch-amerikanischer Psychiater, Traumaforscher und Autor. Aktuell zählt er zu den bekanntesten Stimmen der modernen Psychotraumatologie, also der Forschung und Behandlung psychischer Folgen belastender oder traumatischer Erfahrungen.

Van der Kolk widmet sein Leben dem Entziffern der stummen Schreie Traumatisierter. Ende der Siebzigerjahre, traf er in Boston beispielsweise auf einen Mann namens Tom. Ein erfolgreicher Anwalt, Vater, Ehemann – ein Vorzeigeleben auf dem Papier. Doch Toms Inneres glich einem Trümmerfeld. Er trank, um das Brüllen in seinem Kopf zu betäuben. Er raste nachts auf seinem Motorrad durch die Dunkelheit, um überhaupt etwas zu spüren. Jede Nacht holte ihn der Dschungel Vietnams ein, der Hinterhalt, bei dem seine Kameraden starben. Tom war gefangen in einer Schleife aus Angst, Wut und lähmender Schlaflosigkeit.

Toms Schicksal zeigt uns eine bittere Wahrheit. Wer Traumatisches erlebt hat, bleibt oft im Augenblick des Schreckens stecken. Bereits im Jahr 1941 erkannte der Psychiater Abram Kardiner bei Kriegsheimkehrern, dass diese Leiden keine Einbildung sind. Sie beruhen auf einer echten, messbaren Veränderung unseres Körpers. Die Wunde sitzt tief in den Muskeln, im Atem, im Herzschlag. Das Nervensystem verharrt im Daueralarm, unfähig zu begreifen, dass der Krieg längst vorbei ist und das Jetzt eigentlich Sicherheit bietet.

Der lange Kampf um Anerkennung

Es dauerte sehr lange, bis die Fachwelt den Schmerz anerkannte, den Traumatisierte erleben. Erst im Jahr 1980, nach massivem Druck von Vietnam-Veteranen, fand die posttraumatische Belastungsstörung ihren Weg in die offiziellen Diagnosehandbücher. Doch die Schubladen griffen oft zu kurz. Eine Studie aus dem Jahr 1990 verglich Überlebende von Naturkatastrophen mit Opfern chronischer Misshandlungen im Kindesalter. Die Unterschiede waren gewaltig. Die traumatisierten Kinder litten später unter unerträglichem Selbsthass, Gedächtnislücken und zerrütteten Beziehungen. Ihre Wunden erwiesen sich sogar als noch tiefer und komplexer als die der Katastrophenopfer.

Trauma – ein Begriff, viele Gesichter

Die moderne Forschung definiert die seelische Erschütterung eines Traumas heute sehr präzise. Das Wort „Trauma“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Wunde“ oder „Verletzung“. In der Psychologie beschreibt es mögliche seelische Folgen von Erfahrungen, die als extrem bedrohlich, überwältigend oder hilflos machend erlebt werden. Wenn ein Mensch etwas erlebt, das seine inneren Schutzmauern komplett einreißt, sprechen wir von einer solchen Wunde.

Es gibt die Unterscheidung zwischen:

  • Typ-I-Trauma: ein einzelnes, zeitlich begrenztes belastendes Ereignis
    Beispiel: ein Verkehrsunfall, ein Überfall, eine Naturkatastrophe.
  • Typ-II-Trauma: wiederholte, lang andauernde oder andauernd drohende traumatische Erfahrungen
    Beispiel: fortgesetzter Missbrauch, Folter, Krieg, wiederholte Gewalt in einer Beziehung oder schwere Vernachlässigung.

Diese Einteilung ist jedoch keine offizielle Diagnose, sondern eher ein Erklärungsmodell. Was jedoch bedeutsam ist – beide Formen eines Traumas können das Fundament unseres Seins verändern.

Bessel van der Kolk definiert Trauma wie folgt:
Trauma ist eine anhaltende Veränderung von Körper, Gehirn und Nervensystem, die entsteht, wenn ein Mensch eine überwältigende Erfahrung macht und sich dabei hilflos oder ausgeliefert fühlt. Das Ereignis ist oft vorbei, der Körper reagiert jedoch weiter, als sei die Gefahr noch da.

Minimalistische Strichzeichnung von zwei erhobenen Händen, über denen sich auf weißem Hintergrund eine aquarellblaue Wolke befindet, die das sanfte Loslassen und die Heilung von Traumata symbolisiert.

Laut van der Kolk gelten folgende Erkenntnisse:

  • Trauma ist im Körper gespeichert, nicht nur im Gedächtnis.
  • Betroffen sind unter anderem die:
  • Stressreaktionen (ständige Alarmbereitschaft oder Erstarrung)
  • Emotionsregulation
  • Körperwahrnehmung
  • Beziehungsfähigkeit

Das Trauma zeigt sich weniger durch das Ereignis selbst, sondern durch die dauerhaften Folgen im Erleben und Verhalten.

Trauma oder kein Trauma?

Ob ein Erlebnis traumatisch verarbeitet wird, hängt jedoch unter anderem ab von:

  • der Intensität und Dauer der Bedrohung,
  • dem Gefühl von Hilflosigkeit oder Kontrollverlust,
  • dem Alter und der persönlichen Vorgeschichte,
  • vorhandener Unterstützung und Sicherheit danach,
  • individuellen psychischen und körperlichen Ressourcen.

Zwei Menschen können folglich etwas Ähnliches erleben und sehr unterschiedlich darauf reagieren. Das bedeutet nicht, dass eine Reaktion „richtig“ und die andere „falsch“ wäre. Es bedeutet, dass wir einzigartig sind und es daher sehr unterschiedliche Arten gibt, mit solch einem Ereignis umzugehen. Es bedeutet auch, dass nicht jeder Mensch, der etwas potenziell Traumatisches erlebt, automatisch traumatisiert wird.

Ein Trauma ist folglich nicht das, was dir passiert, sondern das, was IN DIR passiert, als Antwort auf das, was dir passiert ist.

Gabor Matés Erkenntnisse

Gabor Maté – selbst traumatisiert – ist ein kanadischer Arzt, Autor und Referent, der durch seine Arbeiten zu Trauma, Stress, Sucht, ADHS und der Verbindung zwischen Psyche und Körper bekannt wurde. Er widmet seine Arbeit mit Traumatisierten vor allem der Frage, wie verdrängte Gefühle den Körper beeinflussen und belasten.
Gegenüber van der Kolk definiert Gabor Maté Trauma – und hier insbesondere das Entwicklungstrauma – sehr einprägsam und verständlich. Nach Maté erleiden Traumatisierte entweder:

  • Zu viel zu früh
  • Zu viel zu lange, oder
  • Zu wenig zu lange
Die Neonumrisse einer knienden Figur, die ihren Kopf in den Händen hält, vermitteln die Last des Traumas; bunte Formen und Kugeln strömen von der Stelle, an der sich ihr Kopf befinden würde, nach oben, vor einem dunklen Hintergrund.

Er sagt:

  • Trauma entsteht besonders in der Kindheit, wenn:
  • emotionale Bedürfnisse nicht gesehen werden
  • Bindung wichtiger ist als Authentizität
  • Der Mensch passt sich an, indem er:
  • Gefühle unterdrückt
  • sich selbst verleugnet
  • bestimmte Persönlichkeitsmuster entwickelt
  • Trauma zeigt sich später unter anderem durch:
  • chronischen Stress
  • Sucht
  • Depression
  • körperliche Erkrankungen

Im Zentrum steht der Verlust von Verbindung zu sich selbst, oft um Beziehungen oder Sicherheit zu erhalten.

Matés und van der Kolks Schnittmenge

Sowohl van der Kolk als auch Maté sagen:
Ein Trauma ist mehr als ein Ereignis.

  • Es wirkt langfristig
  • Es betrifft Körper, Emotionen und Beziehungen
  • Heilung braucht Sicherheit, Beziehung und Körperarbeit, nicht nur Gespräche

Wichtig ist es, einen ganzheitlichen Ansatz zu haben und Körper und Geist in der Behandlung nicht voneinander zu trennen oder nur einen der beiden untrennbaren Bereiche zu berücksichtigen.

Der Blick aufs Ganze

Insbesondere Maté plädiert daher für eine Medizin, die den Menschen als Ganzes sieht. Seine Forschung und Erfahrung zeigen, dass Körper, Geist und das soziale Umfeld sich nicht voneinander trennen lassen. Leider übersieht die klassische Medizin häufig diese tiefen Verbindungen und behandelt vorrangig die äußeren Symptome. Aber das greift zu kurz. Viele Traumatisierte werden auf ihrer Odysee von einem Facharzt:in zum anderen in ihrem Schmerz nicht ernst genommen oder nicht ausreichend unterstützt. Viele Traumatisierte werden dabei auch anhand der äußeren Folgen des Traumas beurteilt – wie beispielsweise Suchtverhalten oder psychische & körperliche Symptome – anstatt das Verständnis und die Unterstützung angeboten zu bekommen, ursächlich mit dem Trauma umgehen zu lernen und eine Integration des Traumas zu fördern. Hier ist eine disziplinenübergreifende Zusammenarbeit gefordert.

Sehr wichtig ist es dabei, den Blick, den wir auf Traumatisierte haben, weg vom Stigma und hin zu Ressourcen zu lenken. Man muss sich einmal klar machen, dass Traumatisierte tagtäglich sehr viel mehr gefordert sind als Nicht-Traumatisierte. Das bedeutet, selbst wenn die Bewältigungsstrategien noch nicht ideal sind (beispielsweise Suchtverhalten oder Verdrängung) haben sie insofern funktioniert, dass sie das bisherige Überleben gesichert haben. In diesem Kontext waren sie folglich gut und sinnvoll.
Ebenso sind Traumatisierte nicht nur Überlebenskünstler, sondern sie haben auf ihrem bisherigen Weg sehr viel Stärke gezeigt und Fähigkeiten entwickelt. Auch wenn sich Betroffene, dieser wertvollen Ressourcen häufig nicht bewusst sind.

Bedauerlicherweise, nehmen selbst viele Behandler:innen eher einen Defizit‑orientierten statt diesen Ressourcen-orientierten Blickwinkel ein. Ich plädiere wie Maté dafür, das zu ändern.

Verbindung von Geist und Körper

Das Bindeglied zwischen Geist und Körper ist eine Disziplin mit großer Wirkung, an der heutzutage niemand mehr vorbeikommt: die Psychoneuroimmunologie. Sie erforscht, wie das Nervensystem, die Abwehrkräfte, das Immunsystem und Hormone ineinandergreifen.

Stellen Sie sich vor, Ihr Körper ist wie ein Team, das aus verschiedenen Spielern besteht. Das Gehirn ist wie der Anführer dieses Teams, während das Nervensystem und das Immunsystem die Spieler sind, die die Befehle des Anführers ausführen. Die Psychoneuroimmunologie untersucht, wie diese drei Teile des Teams zusammenarbeiten, um die Gesundheit in Balance zu halten.

Die Psychoneuroimmunologie untersucht, wie psychische Prozesse – etwa Gedanken, Gefühle und Stress – mit dem Nervensystem, dem Hormonsystem und dem Immunsystem zusammenwirken. Anhaltender Stress kann die Immunregulation verändern und je nach Situation das Immunsystem beeinträchtigen oder Entzündungsprozesse verstärken. Positive Emotionen, soziale Unterstützung und wirksame Stressbewältigung stehen dagegen häufig mit einer günstigeren Immunfunktion in Zusammenhang.

Es ist offensichtlich, dass Traumatisierte durch das Erlebte und ihre Beschäftigung damit, eher negativen Gedanken und Gefühlen ausgesetzt sind, und damit eine direkte Schwächung ihres Immunsystems erleiden.

Auch die Hormone sind beeinträchtigt. Denn bei Gefahr schüttet der Körper Cortisol aus, um Entzündungen zu hemmen. Doch unter ständigem innerem Druck gerät dieses System ins Wanken. Die Hormone versiegen oder überschwemmen den Körper, was die Abwehrkräfte auf Dauer belastet und schwächt.

Die Anatomie des Schreckens – die Biologie seelischer Wunden

Wie das Gehirn auf Gefahr reagiert

Um zu verstehen, wie das Gehirn auf Gefahr und Bedrohung reagiert, hilft ein Blick in unseren Kopf. Unser Gehirn arbeitet in drei Schichten. Tief im Inneren sitzt das Stammhirn. Es steuert lebenswichtige Grundfunktionen wie Atmung, Herzschlag, Blutdruck, Schlaf-Wach-Rhythmus und Schluckreflexe – größtenteils ganz automatisch, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen. Darüber liegt das limbische System, das Zentrum unserer Gefühle, das ständig nach Gefahren Ausschau hält. Ganz außen liegt der Neokortex, unser rationaler Verstand, der plant, spricht und logisch denkt. Wenn Gefahr droht, übernehmen die älteren Gehirnteile – das Stammhirn und das limbische System – blitzschnell das Kommando. Sie schalten auf den Kampf- oder Flucht-Modus, noch bevor wir klar denken können. Bei Betroffenen ist dieses Notfallsystem dauerhaft aktiv. Die Vernunft hat keine Chance gegen den ständigen Alarm der tieferen Schichten.

Bilder des Schreckens im Scanner

Eine Illustration des Gehirns: Die linke Hälfte ist strukturiert und schwarz, während die rechte Hälfte – geprägt von einem Trauma – aus einem Wirrwarr bunter, chaotischer Linien besteht, über denen der Text „Willkommen im Spektrum“ zu lesen ist.

Moderne Technik macht diesen inneren Zustand sichtbar. In den Neunzigerjahren blickten Forscher mithilfe von Gehirnscans in die Köpfe von Betroffenen, während diese ihre Geschichte hörten. Die Aufnahmen sprachen eine deutliche Sprache. Sobald die Erinnerung wachgerufen wurde, feuerte die Amygdala, unser innerer Rauchmelder, aus allen Rohren.
Die Amygdala ist ein kleiner, mandelförmiger Teil des limbischen Systems. Sie prüft Sinneseindrücke blitzschnell auf mögliche Gefahr und löst bei Bedrohung Alarmreaktionen im Körper aus – oft noch bevor unser bewusster Verstand die Lage einordnen kann.

Die Untersuchung zeigte folglich, dass es keinen Unterschied zwischen der Vergangenheit und dem gegenwärtigen Moment im Labor gibt. Für Betroffene passierte der Schrecken genau jetzt wieder. Allein durch die Erinnerung daran.

Gleichzeitig zeigte sich eine verblüffende Blockade. Das Broca-Areal, zuständig für unsere Sprache, schaltete sich einfach ab. Das erklärt, warum Menschen in Momenten der Erinnerung stumm werden. Ihnen fehlen die Worte. Stattdessen glühte das Brodmann-Areal 19 auf, der visuelle Cortex. Die Betroffenen sahen die alten Bilder nicht als blasse Erinnerung. Sie durchlebten sie als brutale, gegenwärtige Realität vor ihrem inneren Auge.

Zwei Welten ohne Brücke

Bei einer starken Traumaerinnerung gerät die Zusammenarbeit verschiedener Hirnbereiche aus dem Gleichgewicht. Die Amygdala und andere Netzwerke, die Gefahr erkennen und körperlichen Alarm auslösen, sind dann besonders aktiv. Gleichzeitig arbeiten Bereiche, die Erlebnisse bewusst einordnen, in Worte fassen und als Vergangenheit abspeichern, oft weniger zuverlässig. Das Gehirn reagiert deshalb nicht auf eine Erinnerung wie auf etwas Vergangenes, sondern wie auf eine aktuelle Bedrohung. Die Folge: Bilder, Geräusche, Gerüche und Körperempfindungen können unvermittelt und mit großer Wucht auftauchen, ohne dass sie sich sofort zu einer zusammenhängenden Geschichte ordnen lassen.

Der Verstand kann also nicht einordnen, dass die Gefahr vorbei ist. Die Erinnerung bleibt als ungeordneter Haufen aus Geräuschen, Bildern und Schrecken im System hängen. Ähnlich wie ein Bild in einem zerbrochenen Spiegel.

Der Schrei des Körpers

Wird dieser Schmerz dauerhaft weggesperrt, sucht sich der blockierte Schmerz andere Ventile. Der Körper übernimmt das Reden. Es entstehen Leiden, für die Mediziner:innen oft keine organischen Ursachen finden. Dazu können etwa chronische Kopfschmerzen oder Migräne, Muskel- und Rückenschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Schlafprobleme, Herzklopfen, Schwindel, Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme gehören. Die Liste der möglichen körperlichen Symptome als Antwort auf ein erlittenes Trauma ist sehr lang. Der Körper drückt aus, was die Seele zu verschweigen wählt. Wer mehr dazu erfahren möchte, dem empfehle ich insbesondere Gabor Matés Buch: „Wenn der Körper nein sagt.“

Die Biologie der Erschöpfung – Wie Dauerstress uns krank macht

Wenn das Ja zum Anderen ein Nein zu sich selbst ist

Gabor Maté schildert dies in seinem Buch „Wenn der Körper Nein sagt“ anhand berührender Schicksale. Da war Gila, die als ältestes Kind auf den Philippinen aufwuchs. Ihre Eltern forderten bedingungslosen Gehorsam, oft mit Schlägen. Bei jeder Bestrafung bekam das Mädchen schwere Atemnot, was die Mutter als göttliche Strafe abtat. Gila lernte, sich komplett unsichtbar zu machen, um geliebt zu werden. Als Erwachsene schuftete sie bis zum Umfallen, schlief kaum und ertrug einen gewalttätigen Ehemann. Bis ihr Körper streikte. Mit schweren Entzündungen der Muskeln und Gelenke landete sie auf der Intensivstation, unfähig zu atmen. Ihr Immunsystem hatte begonnen, sich selbst zu bekämpfen.

Oder Rachel, die an einem Feiertag einen schweren Rheumaschub erlitt. Sie sollte für die Familie kochen, musste aber fliehen, bevor ihr Bruder kam, der sie verachtete. Schon als Kind wurde sie vom eigenen Vater herabgesetzt. Die plötzliche Entzündung in ihren Gelenken war die körperliche Quittung für den jahrzehntelang unterdrückten Zorn über diese Demütigungen.

Auch der Gewerkschaftsführer Robert ignorierte alle Warnsignale. Er arbeitete Tag und Nacht, bis seine Wirbelsäule im Alter von 25 Jahren langsam verknöcherte. Die schwere Krankheit zwang ihn in die Knie. Er musste lernen, langsamer zu machen und tief in den Bauch zu atmen, was ihm half, seine Gefühle endlich zuzulassen.

Die verwirrte Abwehr

Solche Geschichten zeigen uns, dass Autoimmunerkrankungen oft mit verwaschenen psychologischen Grenzen einhergehen. Wer nie gelernt hat, Grenzen zu setzen, um die Liebe anderer nicht zu verlieren, dessen Immunsystem kann unter Umständen ebenfalls den Kompass verlieren. Es kann nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1965 zeigte, dass gesunde Frauen mit einem biologischen Risiko für Rheuma die Krankheit seltener entwickelten, wenn sie ihren Ärger offen zeigten, anstatt ihn still in sich hineinzufressen.

Das Gift des Schweigens

Das dauerhafte Verdrängen von Gefühlen ist so gesehen lebensgefährlich. In einer großen Untersuchung im ehemaligen Jugoslawien, der Crvenka-Studie, erwies sich das systematische Schlucken von Wut als einer der größten Risikofaktoren für schwere Krebserkrankungen. Menschen, die nie Nein sagen konnten, trugen ein extrem erhöhtes Risiko. Die ständige Anpassung blockiert die Selbstheilungskräfte der Zellen.

Die Trümmer der Vergangenheit ordnen – Wege zur inneren Versöhnung

Luise Reddemanns sanfter Weg

Um die tiefen Wunden eines Traumas zu heilen, braucht es sensible therapeutische Wege. Ein sehr behutsamer Ansatz ist die von Prof. Dr. Luise Reddemann entwickelte Methode namens PITT (Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie).

Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) nach Prof. Dr. med. Luise Reddemann ist ein traumasensibler psychotherapeutischer Ansatz, der insbesondere für Menschen mit schweren und komplexen Traumafolgen entwickelt wurde. Sie verbindet psychodynamisches Denken – also den Blick auf innere Konflikte, Beziehungserfahrungen und unbewusste Prozesse – mit gezielt eingesetzten Imaginationen, Achtsamkeit und Übungen zur Selbstberuhigung.

PITT orientiert sich häufig an einem dreiphasigen Vorgehen:

  1. Stabilisierung und Ressourcenaufbau
    Zunächst geht es darum, im Hier und Jetzt wieder mehr Sicherheit, Kontrolle und innere Halt gebende Erfahrungen zu entwickeln. Betroffene lernen beispielsweise, belastende Gefühle besser zu regulieren, Warnsignale des Körpers wahrzunehmen und sich innerlich zu beruhigen.
    Das Ziel ist nicht, nie wieder Angst oder Schmerz zu empfinden. Es geht darum, mit diesen Zuständen so umgehen zu können, dass sie nicht mehr vollständig überwältigen.
  2. Behutsame Traumabearbeitung
    Erst wenn genügend Stabilität vorhanden ist, können belastende Erinnerungen vorsichtig und dosiert bearbeitet werden. Dabei steht nicht ein detailliertes Wiedererleben um jeden Preis im Vordergrund. Entscheidend ist, dass die Person jederzeit möglichst handlungsfähig bleibt und sich nicht erneut ausgeliefert fühlt.
    Traumatische Erfahrungen werden in einem sicheren therapeutischen Rahmen betrachtet, eingeordnet und mit den Gefühlen verbunden, die damals oft nicht wahrgenommen oder ausgedrückt werden konnten – etwa Angst, Wut, Trauer, Scham oder Ohnmacht.
  3. Integration und Neuorientierung
    Im weiteren Verlauf kann das Erlebte zunehmend als Teil der eigenen Lebensgeschichte einen Platz finden, ohne das ganze Leben zu bestimmen. Integration bedeutet nicht, dass etwas „gut“ wird oder vergessen werden muss. Es bedeutet vielmehr: Die Erinnerung verliert nach und nach ihre Macht, die Gegenwart ständig zu überfluten. Eigene Bedürfnisse, Beziehungen, Lebensfreude und Zukunftspläne können wieder mehr Raum bekommen.

Wichtig ist: Diese Phasen sind kein starrer Fahrplan. Menschen kehren je nach Belastung und Lebenssituation immer wieder zur Stabilisierung zurück. Gerade bei komplexen Traumafolgen ist das kein Rückschritt, sondern ein sinnvoller Teil des Prozesses.

PITT betrachtet Symptome wie Dissoziation (innerliches Wegdriften), starke innere Anspannung, Rückzug, Selbstabwertung oder Kontrollverhalten nicht als „Fehler“. Sie können als nachvollziehbare Schutz- und Überlebensreaktionen verstanden werden: als Lösungsversuche eines Nervensystems, das sich früher an eine bedrohliche oder ausweglose Situation anpassen musste. Was damals möglicherweise geschützt hat, kann im heutigen Leben jedoch sehr belastend werden.

Im Zentrum steht deshalb eine mitfühlende, nicht beschämende Haltung gegenüber den eigenen inneren Erfahrungen. In einem therapeutischen Raum der Würde, darf alles sein, was empfunden wird und wurde, ohne Wertung. Manche Menschen erleben dabei verletzliche, ängstliche oder wütende Seiten wie „innere Kinder“; andere eher wie unterschiedliche innere Zustände oder Anteile. PITT nutzt solche Bilder nicht als starre Wahrheit, sondern als hilfreiche Sprache für etwas, das viele traumatisierte Menschen kennen: Innerlich kann ein Teil wissen, dass heute Sicherheit besteht, während ein anderer Teil noch immer Alarm schlägt.

Zeichnung aus durchgehenden Linien, die das Seitenprofil einer Frau mit einer großen Rose im Haar zeigt und auf zarte Weise Widerstandsfähigkeit und Heilung angesichts eines Traumas auf weißem Hintergrund einfängt.

Der therapeutische Weg besteht dann darin, diesen inneren Reaktionen nicht mit Härte zu begegnen, sondern ihnen Schutz, Orientierung und eine erwachsene, mitfühlende Gegenwart anzubieten. Das ist anspruchsvoll – und zugleich eine echte Chance: Schritt für Schritt kann aus bloßem Überleben wieder ein Leben werden, das sich eigener, freier und lebendiger anfühlt.

Betroffenen wird geholfen zu verstehen, dass Traumata zwar schicksalshaft sind, denn in der Regel hat es mit etwas zu tun, was uns passiert. Aber es definiert nicht, wer man ist, und wir sind ihm nicht machtlos ausgeliefert.

Der doppelte Blick des Therapeuten

Minimalistische Ein-Strich-Zeichnung, die zwei abstrakte menschliche Gesichter im Profil zeigt, die einander zugewandt sind, vor einem hellbeigen Hintergrund – eine stimmungsvolle Komposition, die auf subtile Weise Themen wie Verbundenheit und Trauma thematisiert.

Der therapeutische Blick richtet sich zugleich auf den erlebten Schmerz und auf die Ressourcen, die Betroffene durch schwierige Zeiten getragen haben. Die gemeinsame Arbeit würdigt den tiefen Schmerz, ohne die großen inneren Kräfte zu übersehen, die Betroffene entwickelt haben. Und die im Jetzt eingesetzt werden können, um das Erlebte zu integrieren und vorwärts zu leben.

Anstatt beispielsweise das verletzte Kind im Geist sofort wieder in den alten Schrecken zu werfen, lernt der Erwachsene von heute, seinem jüngeren Ich auf einer inneren Bühne zu begegnen. Er holt das Kind aus der gefährlichen Situation von damals und schenkt ihm den Schutz, das Mitgefühl und die Zuwendung, die es so schmerzlich vermisst hat.

Sicherheit auf der inneren Leinwand

Damit die Gefühle den/die Betroffenen nicht überschwemmen, nutzt man kreative Distanz. So helfen Distanzierungstechniken, dass Traumatisierte davor bewahrt werden, von den traumatischen Bildern überflutet zu werden oder gar durch die Schilderung traumatischer Ereignisse eine Re-Traumatisierung zu erleiden. Unterstützend können innere Helferwesen herbeigerufen werden, die dem verletzten Anteil beistehen. Auch die Auseinandersetzung mit den Stimmen der Peiniger (falls vorhanden), die als dunkle Anteile im eigenen Kopf weiterleben, gehört dazu. Man lernt, diese Stimmen zu entmachten und ihre zerstörerische Kraft umzulenken.

Überholtes Konzept

Man hat heute eine neue, differenzierte Sicht auf Traumata. Der landläufige Ansatz, das Trauma müsse proaktiv bearbeitet werden, im Sinne einer direkten Konfrontation mit dem Erlebten, ist zwischenzeitlich überholt. Und nicht nur das, sondern auch potenziell gefährlich. Eine direkte Traumakonfrontation erfolgt laut PITT nur in Ausnahmefällen. Und nur wenn der Betroffene es ausdrücklich wünscht. Und in diesen Fällen wird der Klient:in sehr ausführlich auf diese Konfrontation durch die Etablierung konkreter Schutzmechanismen vorbereitet, und währenddessen professionell begleitet. Eine unvorbereitete Konfrontation mit vergangenem Trauma birgt die große Gefahr einer Re-traumatisierung in sich. Weshalb Traumatisierte von Fachmännern und -frauen auch prinzipiell davor geschützt werden sollten, das Erlebte ungefiltert zu erzählen.

Die direkte Konfrontation mit dem Schrecken darf erst geschehen, wenn das Fundament im Hier und Jetzt absolut sicher ist. Eine seelische Wunde darf man nicht mit Gewalt aufreißen, sonst droht neuer Schaden.

Ich mag gar nicht daran denken, wie viele Betroffene diesen Schutz leider nicht erfahren. Bei Befragungen durch die Polizei, Aussagen vor Gericht und in vielen anderen Situationen, mit denen Traumatisierte konfrontiert sind, sind derartige Schutzmechanismen noch nicht standardmäßig implementiert. Hier besteht weiterhin großer Handlungsbedarf.

Der Weg zurück ins selbstbestimmte Leben

Eine aus einer einzigen durchgehenden Linie bestehende Zeichnung eines Vogels im Flug vor weißem Hintergrund, die Widerstandsfähigkeit symbolisiert, während der Vogel über die Last des Traumas hinwegschwebt.

Die Versöhnung mit den eigenen Wunden ist ein Weg, der den ganzen Menschen fordert. Geist, Seele und Körper arbeiten dabei zusammen und lassen sich nicht voneinander trennen. Das bewusste Spüren des eigenen Körpers ist ein wichtiger Schritt, um die innere Taubheit aufzulösen.

Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) kann dabei unterstützen, zunächst innere Sicherheit und Stabilität aufzubauen. Mithilfe von Imaginationsübungen und Interventionen lernen Betroffene, belastende Gefühle und Erinnerungen dosiert wahrzunehmen, ohne von ihnen überflutet zu werden. So kann das Gestern allmählich an Schrecken verlieren.

Gesunde Grenzen zu setzen schützt den Körper vor Erschöpfung und dem Anstauen belastender Gefühle. Und in sicheren Beziehungen kann unser Nervensystem wirklich zur Ruhe kommen. Deshalb ist es besonders wertvoll, die Beziehung zu sich selbst zu stärken und zu pflegen – denn niemand steht uns näher als wir uns selbst.

Heilung beginnt in dem Moment, in dem der Körper versteht, dass er nicht mehr in der Gefahr des Traumas feststeckt. Das Hier und Jetzt wird dadurch zum sicheren Ort und das Nervensystem kann sich beruhigen. Traumaüberlebende werden handlungsfähig durch die Regulation eigener Gedanken und Gefühle. und durch die Integration des Traumas in ihre Lebensgeschichte erfahren sie, dass sie nicht mehr durch das Trauma definiert werden – denn sie sind so viel mehr als das! Der alte Schrecken verliert mehr und mehr an Macht und ein selbstbestimmtes Leben bringt neue Wege mit sich.

Wenn Sie ein oder eine Betroffene sind, nehmen Sie gerne das kostenlose Kennenlerngespräch mit mir in Anspruch. #weilSieeswertsind

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Quellen:

  • Lenore Terr
  • Maté, Gabor. Wenn der Körper Nein sagt: Wie verborgener Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können. Narayana Verlag, 2020.
  • van der Kolk, Bessel. (2015). Verkörperter Schrecken: Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. Lichtenau: G.P. Probst Verlag.
  • Reddemann, L. (2017). Imagination als heilsame Kraft: Ressourcen und Mitgefühl in der Behandlung von Traumafolgen. Stuttgart: Klett-Cotta.

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